Bevor es um Polymere in Medizinprodukten geht, sind diese Hintergrundinformationen für das weitere Verständnis wichtig: Polymere (griech. "poly" = viele, "meros" = Anteil) besitzen eine Reihe von besonderen Eigenschaften. Als hochmolekulare chemische Verbindungen (Makromoleküle) werden sie durch eine gerichtete, meist kovalente Verknüpfung ihrer Grundbausteine (Monomere) synthetisiert. Ein wesentlicher Parameter bei ihrer Herstellung ist ein ausreichend hoher Polymerisationsgrad, damit sich die physikalisch-chemischen Eigenschaften des entstehenden Moleküls durch das Hinzufügen weiterer Wiederholungseinheiten nicht mehr verändern. Nach ihrer Synthese gelten Polymere zwar als "stabil". Allerdings können chemische und/oder physikalische Einflüsse Abbauprozesse initiieren. Dieser Polymerabbau kann einerseits gezielt genutzt werden, um die gewünschte Zweckbestimmung zu erzielen. Andererseits kann es zu einem unbeabsichtigten Abbau kommen. Mit Blick auf ihre Anwendung innerhalb von Medizinprodukten ist es deshalb wichtig, die ungeplanten Abbauprodukte zu betrachten, zu testen und zu bewerten.
Seit den 1960er-Jahren haben synthetische Polymere Einzug in die klinische Anwendung gehalten. Während zu Beginn nur Einwegartikel im Vordergrund standen, werden heutzutage eine Vielzahl von Polymeren in den unterschiedlichsten Bereichen angewendet. Zu den Hauptanwendungen für Polymere in Medizinprodukten gehören:
Für Polymere im klinischen Einsatz als Medizinprodukt gelten eine Reihe zusätzlicher Anforderungen, die über die eigentlichen Materialeigenschaften hinausgehen. Dazu gehören
Diese Anforderungen beeinflussen direkt die Analyse der verwendeten Polymere. Die Materialauswahl und Vorgänge wie die Herstellung und insbesondere die Sterilisation/Wiederaufbereitung spielen eine große Rolle für den potenziellen Polymerabbau. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Einsatzort der Produkte. Dort können chemische und/oder physikalische Einflüsse auf das zuvor verarbeitete Polymer wirken. Zum Beispiel kann unter Anwendungsbedingungen ein vorher nicht beabsichtigter Abbau von Polymeren stattfinden.
Beim Einsatz von Polymeren in Medizinprodukten sind adäquate Analysen zur Identifizierung und Quantifizierung möglicher Zwischen- und/oder Abbauprodukte wichtig. Die Hintergründe der komplexen Herausforderungen des Polymerabbaus zeigt dieses Beispiel des Polycarbonats und des zu seiner Herstellung eingesetzten Bisphenol A (BPA).
Der (unbeabsichtigte) Abbau von Polycarbonaten kann auf unterschiedlichen Herstellungs- und Anwendungsebenen stattfinden, wie diese Beispiele zeigen:
Dieses Beispiel zeigt, welche komplexen Fragen der Polymerabbau aufwerfen kann. Was bedeuten diese Zusammenhänge für die Medizinproduktehersteller? Grundsätzlich gilt: Unabhängig davon, ob der Polymerabbau geplant oder ungeplant stattfindet, sollte initial eine Materialcharakterisierung zu allen möglichen Polymerprodukten (Ausgangspolymer, Zwischenprodukte und - falls möglich - Abbauprodukte) stattfinden. Anschließend folgt die in ISO 10993-13 (Qualitativer und quantitativer Nachweis von Abbauprodukten in Medizinprodukten aus Polymeren) erläuterte Analyse. Darin werden die folgenden Inhalte und Vorgehen genannt und erklärt:
Jede Auswahl eines Testparameters muss dokumentiert und begründet werden. Im Rahmen der Testdurchführung sind die folgenden Normen zu betrachten und je nach Ergebnissen anzuwenden:
Wie bei allen Materialien liefert die ISO 10993-1 auch bei Polymeren die allgemeine Grundlage zur Bewertung der Biokompatibilität. Sie wird im Rahmen eines risikobasierten Ansatzes gemäß ISO 14971 anhand
bewertet.
Deshalb ist es sinnvoll, die Charakterisierung der Polymere und ihres Verhaltens vor weiteren Biokompatibilitätstests durchzuführen, um alle erforderlichen Informationen zu erhalten. Neben der chemischen Charakterisierung aller Komponenten müssen auch potenzielle Auswirkungen auf das umgebende Gewebe am Ort der Exposition betrachtet werden. Deshalb sollte beim Einsatz von Polymeren in Medizinprodukten immer genau analysiert und getestet werden, ob sich Abbauprodukte bilden, die im Rahmen der Biokompatibilitätsbewertung und des Risikomanagementsystems betrachtet und bewertet werden müssen.
Bei der Auswahl von Testsystemen zur Biokompatibilitätsbewertung von Polymeren ist es wichtig, einige Besonderheiten im Blick zu behalten. Ein wesentlicher Aspekt ist zum Beispiel, ob die Abbauprodukte statisch an einem Ort (z. B. Applikation in einem Gelenk) verbleiben oder ob sie sich dynamisch im Körper verteilen. Je nach Anwendung können sich Abbauprodukte sehr schnell oder eher langsam aus dem Medizinprodukt herauslösen. Bei der Auswahl des geeigneten Testsystems ist es deshalb entscheidend, die Freisetzungsrate zu berücksichtigen.
Eine schnelle Freisetzung kann die Konzentrationen eines oder mehrerer Stoffe kurzzeitig erhöhen, was wiederum den pH-Wert und/oder die Osmolalität (Gesamtzahl der gelösten Stoffe in einer flüssigen Lösung) in einem statischen in vitro-Testsystem verändern. Unter dynamischen Bedingungen kann der statische Ansatz zu verfälschten Ergebnissen führen. Darum ist es wichtig, bei diesen Experimenten physiologisch relevante Bedingungen einzuhalten. Hierbei sollte der Versuchsaufbau so gewählt werden, dass beobachtete Effekte möglichst direkt auf die Abbauprodukte zurückführbar sind und eine Verfälschung der Ergebnisse durch etwaige Artefakte ausgeschlossen werden.
Angesichts dieser Herausforderungen ist eine umfassende Dokumentation mit Begründung des gewählten Ansatzes und der Parameter einschließlich einer ausführlichen Bewertung der Validität des Versuchs unerlässlich. Für letztere eignet sich beispielsweise der Vergleich des Standardtestsystems mit dem angepassten Testsystem. Damit könnten in der Bewertung auch Effekte berücksichtigt werden, die spezifisch im Standardsystem auftreten würden, aber nicht oder in anderem Ausmaß im angepassten System.
Polymere sind heute in einer Vielzahl von Medizinprodukten enthalten. Sie zeigen eine große Heterogenität hinsichtlich Eigenschaften und Verhalten. Wichtige Herausforderungen bei der Bewertung der Biokompatibilität von Medizinprodukten, die Polymere enthalten, sind deren beabsichtigte oder unbeabsichtigte Abbauprodukte. Bei der Planung der entsprechenden Testsysteme gilt es, neben zahlreichen Normen, auch eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen, die wesentlich komplexer sind als bei anderen Materialen wie zum Beispiel Metalllegierungen. Deshalb empfiehlt es sich bei der Biokompatibilitätsprüfung von Polymeren in Medizinprodukten, erfahrene Expert*innen einzubinden.
Stehen Sie gerade vor der Herausforderung, die Biokompatibilität eines neuen Medizinprodukt zu bewerten, das Polymere enthält? Bestehen dabei Unklarheiten mit Blick auf mögliche Abbauprodukte? Oder sind Sie generell dabei, eine geeignete Prüfstrategie zur Biokompatibilität Ihrer Medizinprodukte zu entwickeln und suchen dazu nach Fachexpert*innen? Unser Team unterstützt Sie gerne und entwickelt gemeinsam mit Ihnen individuelle Lösungen für Ihre Fragestellungen. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme für ein unverbindliches Erstgespräch.